Manche Menschen finden in der Verzweiflung zu ihrem Glück. Ein Keimphobiker ist aufgrund seines zwanghaft neurotischen Verhaltens – Obsession bei wiederholten Händewaschens usw. – momentan im Paradies. Während der coronischen Quarantänemaßnahmen sind wir alle in die Grundstimmung der Aufenthaltslosigkeit versetzt worden. Nostalgie liegt in der Luft, und zwar für ein Leben, in welchem den normalen Gesten der Freundlichkeit nachgegangen werden darf. Zum Beispiel der gute alte Händedruck: Was einst als zivilisierte Höflichkeitsform galt, ist heute der ultimative Vertrauensbeweis. Wenn nicht sogar dies schon als nachlässiger Leichtsinn gilt. Also muss man sich der aktuellen Notlage gewahr werden, indem man die eingeübten Verhaltensweisen radikal ändert. 

Dazu veranlasst beispielsweise Charles Duhiggs bemerkenswertes Buch “Die Macht der Gewohnheit” (2013), indem der Autor die sogenannte “Gewohnheitsschleife” als die logische Abfolge von Auslösereiz-Routine-(Selbst-)Belohnung definiert. Es lassen sich ohne dieses vertraute Gehabe, ohne diese zweite Natur, keine Verhältnisse leben. Diese mechanische Emotion namens Gewohnheit stellt einen zweiseitigen biologischen Automatismus dar: dieser ist seiner Qualität nach sowohl passiv als auch spontan im Menschenwesen veranlagt. Die prinzipielle Schwierigkeit besteht darin, das rein habituelle als solches aufzudecken. Darum schlage ich ein Aufstocken der Manieren vor; etwa durch ein charmantes Winken, oder jemandem hinter der willkommenen Anonymität der Gesichtsmaske ein Lächeln schenken, indem die Lachfältchen um die Augen zum Vorschein kommen; all diese kleinen Gesten des Wohlwollens machen einem Mut und sind deshalb heute wichtiger denn je. 

Jetzt wohl die Menschen provisorisch als Gewohnheitstiere festgestellt worden sind, kann der Begriff der Herdenimmunität in seinem pastoralen und idyllischen Motivkreis durchleuchtet werden. Aber zunächst ist Herdenimmunität als statistische Soziologie aufzufassen. Städte sind demographisch gesprochen Agglomerationen, Ballungsgebiete in denen vielfache soziale Milieus übereinander aufgeschichtet koexistieren. Vielleicht kann statt Getier also in diesem Fall von Gemensch die Rede sein. Die etwas dunkle Vorstellung einer Art menschlichen Herde kann einem dabei durch den Kopf gehen. 

Im Buch der Psalme heißt es: “Der Herr ist mein Hirte…,” und Er hat mich mit einem körpereigenen Immunsystem gesegnet, könnte man hinzufügen. Die Immunität einer Einzelperson als Teil einer gigantischen Großgesellschaft macht allerdings keinen Unterschied. Der Philosoph Peter Sloterdijk plädiert deswegen in seinem Buch “Du musst dein Leben ändern” (2009) für den von ihm geprägte Begriff des “Ko-Immunismus”. Dies soll soviel heißen wie “das Einschwören der Individuen auf wechselseitigen Schutz”. Oder allgemeiner ausgedrückt: das Erwachenlassen eines Kollektivbewusstseins der Weltgesellschaft als “immunologische Risikogesellschaft, die weltweite Solidarität verlangt”, so der Autor im Gespräch mit Die Zeit am 8. August. Kurzgesagt: Die Verantwortung liegt in der Aufgabe sogar Zivilisationen selbst notwendigerweise zivilisieren zu müssen. 

Es gibt in der Notlage ein schönes Paradox zu entbergen. Derzeitig grassiert ein Virus, also ein biochemischer Prozess, welcher menschliche und tierische Zellen befällt und diese als Kopiereinrichtungen gebraucht. Da die Inkubationszeit bis zu zwei Wochen betragen kann, stellt ein symptomloser Virusträger eine große Gefahr für seine Mitmenschen dar. Das daraus entstehende Paradox ist auch unsere Handlungsdivise: Distanzwahrung aus Nächstenliebe. Gerade weil auch ein symptomloser Virusträger, möglicherweise sogar unwissend, seine Mitmenschen anstecken kann, sollen sich die Menschen dringend aus Nächstenliebe als Distanzwesen begreifen. Während Selbstisolierung ab sofort als “die wichtigste einzelne Variable” gilt, sind gleichzeitig die “medial vernetzten Individuen” einander so nahe wie noch nie, bemerkt der Staatsphilosoph und zeitgenössischer Aufklärungsdenker Jürgen Habermas am 8. April in der Frankfurter Rundschau

Die Medienwelten werden allesamt zum Schauplatz der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, oder besser man spricht von der Synchronizität der Geschicke der Welt. Diese bestehende Medienimperium gleicht einer totalen Mobilmachung und zeigt, inwiefern die altbekannte Normalität für sich zersplittert ist. Die Monotonie des Lebens einzelmenschlicher Individuen resultiert aus der einfach apathisch machenden Überfülle an Themen, auf die rund um die Uhr zuzugreifen ist. Und es scheint mir zutiefst ungewöhnlich wie sehr dieses Überwältigtsein durch Themenvielfalt von der Pandemie abgelöst wurde. Alle Berichterstattung drehte sich nüchtern und sachlich einzig und allein darum Inzwischen gibt es jedoch Müdigkeitserscheinungen zu beiden Händen: auf der einen Seite bei den meinungsmachenden Medien als auch auf der anderen Seite bei ihre erregungsfreudigen Zuschauerschaft merkt man deutlich eine response fatigue vor der die WHO seit dem 2. August warnt. Die Menschen sind nun einmal durch mit dem Thema. Man ist fix und fertig und will diese reale Tyrannei in Gedanken nicht weiter entgleiten lassen, und, zieht es vor, sich einem Schein von Normalität hinzugeben. Das Motto lautet Realitätsboykott: “Lasst uns einfach so tun als wär’ nichts gewesen. Denn, wer will davon schon noch irgendetwas wissen?” Denn da gäbe es noch diejenigen, die ernsthaft über diese große Aufbruchsstimmung nachdenken, und ihre Grübeleien gelegentlich unterbrechen müssen, um nicht in einer Negativspirale abzugleiten. Scheinen die Quarantänemaßnahmen nicht geradezu idiotisch und absurd, sobald man an Migrationsströhme denkt, die die durch Corona verursacht werden? Welche Bedingungen müssen überhaupt vorhanden sein, damit ich mich zu Hause sozial absondern kann? Wie können wir uns in einen gesetzlichen Rahmen einbetten und aufs Neue in eine Lebenswelt nach allen Formen des Anstands eintreten? 

Am extremsten ist das Aufklaffen dieser zweier Grundhaltungen am 1. August aufgefallen, als bis zu 22.000 Corona-Leugner zum Demonstrieren auf die Straße gingen. Es marodierte eine bunte Melange durch Berlin – bestehend aus: Esoterikern, Impfgegner, Neurechten, Antisemiten, Verschwörungsextremisten, Reichsbürgern, und Hippies. Wie manche Kommentatoren es sehr treffend auf den Punkt brachten: Es waren “Reggae und PEGIDA” die dort dicht an dicht standen. Aufmüpfig wurden Schilder geschwenkten mit der Aufschrift: “Wir sind die zweite Welle”, und es wurden Parolen wie “Die größte Verschwörungstheorie ist die Corona-Pandemie” verkündet. Ein Demonstrant erklärte einem Reporter von des Welt Nachtensender im Interview: “Weg mit der Maske, die uns zu Sklaven macht!” Diese Nachrichtensendung ist nur zu verstehen, wenn man sie gegen eine andere Berichterstattung liest, und zwar stehen unter der Corona-Karte des Tagesspiegel folgende Sätze: “Das Virus führt uns vor, dass die Trennung zwischen einzelnen Menschen genauso fiktiv ist wie die Trennung zwischen Körper und Welt. Wir ‘betreten’ die Welt mit unseren Füßen, ‘begreifen’ sie mit unseren Händen, ‘besprechen’ sie mit unseren Mündern. Deswegen ist der richtige Umgang mit dem Virus zwangsläufig unnatürlich.“ Die Gesichtsmaske ist also von diesem Individuum als Entwürdigung in Erfahrung gebracht worden. Dafür kann man sogar Sympathie haben, denn die WHO schreibt tatsächlich über “den weiten Gebrauch von Masken bei gesunden Menschen in ihren spezifischen sozialen Milieus liegen derzeit noch keine evidenzbasierten Erkenntnisse vor und es gehen damit Ungewissheiten und Risiken einher.” Aber was soll’s? Teilhabe an einem Nationalstaat heißt, sich damit abfinden zu müssen an sich als Person nur eine Rolle zu spielen. Engagiert und entschlossen sollten wir uns Mund- und Nasenschutz tagtäglich überstreifen. Denn, sobald man sich demaskiert entblößt man sich gegenüber all den Blicken um sich herum die eigene Alltagsfratze, und die steht naturgemäß niemandem gut zu Gesicht.